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Kritik an RFID-Chipkarten: Zum Umbau der Zentral-Mensa

Über die Hintergründe der Einführung der RFID-Chipkarte als Studentenausweis an der Uni Göttingen haben wir bereits berichtet1 Mit dem Umbau der Zentralmensa und der Abschaffung der Essensmarken ist im Dezember ein weiterer Schritt zur Umstellung des Mensabetriebes auf die bargeldlose Bezahlung mit der Chipkarte erfolgt (http://www.studentenwerk-goettingen.de/fileadmin/_stw/gf/mensa_ spezial/ms243.pdf). So werden in naher Zukunft die günstigeren Mensapreise für Studierende nur noch mit der Chipkartenbezahlung erhältlich sein.

Durch die Durchsetzung der RFID-Technologie ergeben sich eine Reihe von Effekten auf das studentische Leben:

(1) Überwachung der Studierenden, Zugangskontrollen &c. RFID-Funkchips sind zuallererst eine Überwachungstechnologie. In Fabriken werden sie eingesetzt, um die Waren innerhalb der Fertigungskette ständig kontrollieren und überprüfen zu können. Mit den RFID-Chipkarten wird es durch die Installation von Auslesegeräten (die übrigens keine großen Kosten verursacht) möglich, Bewegungsprofile zu erstellen, die Anwesenheitspflicht elektronisch und unbemerkt zu kontrollieren oder die besuchten Vorlesungen zu protokollieren. Zugangskontrollen zu bestimmten Gebäuden oder Gebäudetrakten stellen schon heute Hemmnisse für viele Studierende da. So haben reguläre Mathematikstudenten keinen Zugang ins Gebäude der Stochastik am Nordcampus und die theoretische Physik ist für Physikstudierende in den unteren Semestern verschlossen. Praktisch kommt die Universität mit dieser Abschottung wichtiger Kernbereiche dem Klischee der «internationalen Spitzenforschung» nach, die von Eliteleuchttürmen wie der Uni Göttingen betrieben werden soll, um die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der BRD zu stärken: Eine kleine Anzahl herausragender Forscher soll dazu auserkoren sein, die Zukunft der Wissenschaft zu bestimmen. Gleichzeitig entzieht sich die Eliteforschung aber auch der demokratischen Kontrolle: ob hinter den verschlossenen Hochsicherheitstüren Rüstungs- bzw. Kriegsforschung betrieben wird, bleibt für diejenigen ohne Zugangskarte ein Geheimnis.

(2) Ausgrenzung von nicht zur Studierendenschaft gehörigen Mensanutzern, die früher von den günstigen Studentenpreisen mitprofitiert haben: junge Familien, nicht immatrikulierte Doktoranden, Arbeitslose und viele Andere. Während es früher durchaus üblich war, dass die Sozialämter die Unimensen empfohlen haben, schotten diese sich durch die Chipkarteneinführung ab und werden in Zukunft ausschließlich Studierenden zur Verfügung stehen. Dies geschieht gerade zu der Zeit einer massiven und breiten Verarmung der Gesellschaft (Hartz 4, Massenentlassungen etc.) und wird notwendigerweise die gesellschaftliche Spaltung befördern.

(3) Sicherheits- und Datenschutzprobleme. Durch die Chipkarte werden jede Menge an Daten über studentische Gewohnheiten und ihr Verhalten produziert werden: Bewegungsprofile, besuchte Vorlesungen, bevorzugtes Mensaessen u.v.m. Diese Daten sind für Werbefachleute privater Firmen und Marktforscher Gold wert. Profile von Studierenden dienen dafür, psychologisch ausgefeilte Werbekampagnen zu kreieren. Auf dem Campus schon zu Hauf vertretene Werbung für besondere Handytarife, Jobanbieter oder günstige Zeitungsabos mögen zunächst noch harmlos erscheinen. Aber in diesem Zusammenhang stehen auch politisch motivierte Kampagnen wie die von Bertelsmann koordinierte „Du bist Deutschland!“-Kampagne. Hier stehen klare wirtschaftliche Interessen im Vordergrund und es wäre naiv anzunehmen, daß diese sich immer vollkommen mit denen der Studierenden decken würden. Die Preisgabe von Daten kann und wird zur gezielten und organisierten Manipulation verwendet. Inwieweit einmal erhobene Daten gespeichert und weitergegeben (oder sogar verkauft) werden, kann der einzelne Student nicht überblicken. Die Universität dokumentiert diese Angaben nicht. Hinzu kommen Sicherheitsprobleme bei RFIDChipkarten. Die von den Herstellern als sicher verkaufte Verschlüsselung der Chips ist mittlerweile bereits geknackt, so dass mit entsprechender Software und einem Lesegerät direkt auf die Karten von Studierenden zugegriffen werden könnte, ohne dass diese das sofort bemerken. So könnte direkt Geld für die Mensa abgebucht, Daten geklaut werden.2

Den aufgezählten Nachteilen stehen für die Ziel- Nutzer*innengruppe jedenfalls keine wirklichen Vorteile gegenüber. Der Verkürzung von Bezahlvorgängen (ein Vorteil, der sich erledigt, wenn alle mit Karte bezahlen) stehen Intransparenz von Preisen und Kartenkontostand sowie die technische Anfälligkeit direkt auf gleicher Ebene entgegen. Angesichts der Kosten für die zu pflegende Infrastruktur dürfte es für Universität und Studentenwerk auch keine nennenswerten finanziellen Vorteile geben. So beschränken sich die »Vorteile« wohl vor allem auf den Kreis der Firmen, die hier für gepfefferte Preise ihre Technologie auf einem neuen Markt testen wollen und über genug persönlichen Einfluss verfügen, um die Universität zu ihrer Spielwiese machen zu können.

Zu denken geben sollte auch, dass die Einführung der Chipkarte, trotz ihrer Auswirkungen auf den studentischen Alltag, sozialer und politischer Bedenken, nie demokratisch legitimiert wurde. Die Studierenden wurden nie dazu befragt und es gab auch keine Abstimmung darüber. Wie die Implementierung des Bachelorsystems und die Abschaffung der Diplom- und Magisterstudiengänge (Bologna- Prozeß) ist die Einführung der Chipkarte und ihre Anwendung von oben diktiert. Wer sich verweigert, wird mittels höherer Preise bestraft.

Für nähere Informationen empfehlen wir: http :// www.foebud.org/rfid, den Chipkartenreader der Informatik Darmstadt und den Chipkartenreader «Chipkarte. Hochschule.Datenschutz» der LAK Berlin. Letzterer ist leider noch nicht online verfügbar, kann aber im Infoladen im Juzi (Öffnungszeit: jeden Dienstag von 19:30 bis 21 Uhr) oder im ‘Bunten Raum’ des Philosophischen Seminars (Humboldtallee 19, im Keller) eingesehen werden.

Basisgruppe für Informatik, Mathe und Physik


1) vgl. Zusammenhang #18

2) vgl. http ://www.golem.de/0804/59115.html http ://www.heise.de/newsticker/Programmiertools- zum-Mifare-Cracken-veroeffentlicht–/meldung/ 118003 http ://www.heise.de/newsticker/25C3-Mangelhafte- Verschluesselung-bei-vielen-RFID-Karten–/meldung/ 121028


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